Deportation der Mutter

Bescheinigung für Rosalie Gumpel

GUMPEL, Rosalie Sara legt Schreiben in hebräischer Schrift mit Datum vom 26.6 1939 vor, das den Inhalt haben soll, dass ihr bescheinigt wird , dass Palästina Rosalie Sara Gumpel aufnehmen will und der Sohn Herbert in der Lage ist, seine Mutter zu ernähren. Angeblich will sie sich sofort nach Erhalt des Schreibens nochmals mit ihrem Sohn in Verbindung gesetzt haben, damit die Angelegenheit beschleunigt wird, denn vom Oktober d. J. bis zum April n. J. sei die Einreise nach Palästina gesperrt.

Rosalie Gumpel, Kurts Mutter, musste am 9. Dezember 1941 Lemgo verlassen und wurde ins Getto von Riga deportiert. Der gesamte Hausrat, der ihr noch verblieben war, wurde aufgelistet.

Das Foto vom 13. Dezember 1941 zeigt Juden auf dem Bielefelder Bahnhof, die den Zug nach Riga besteigen. Das Simon Wiesenthal Center, Los Angeles, hat dieses Foto auf seiner Homepage veröffentlicht als Beispiel dafür, wie unwissend viele Juden waren, dass sie mit Gepäck und ordentlich gekleidet die Deportationszüge bestiegen. Möglicherweise zeigt das Bild den Zug, in dem auch Rosalie Gumpel saß.

Von 1918 bis 1940 war Riga die Hauptstadt des unabhängigen Lettland. Im Juli 1940 wurde es, wie das übrige Land, von der Sowjetunion annektiert und zur Hauptstadt der Sozialistischen Sowjetrepublik. Die ersten Juden siedelten sich schon im 17. Jahrhundert in Riga an und im Jahre 1935 umfasste die jüdische Bevölkerung 43.000 Menschen, womit Riga das Zentrum der lettischen Juden war. Die deutsche Wehrmacht besetzte Riga am 1. Juli 1941, neun Tage nach ihrem Einmarsch in die Sowjetunion. Tausende jüdischer Männer wurden am ersten Tag der Besetzung festgenommen und in Gefängnisse und Polizeihauptquartiere gebracht. Nach mehreren Tagen Folter wurden 2.700 Gefangene ermordet.

Haushaltsverzeichnis

Verzeichnis der Gegenstände aus dem Haushalt der Frau Rosalie-Sara Gumpel, Lemgo

1 Tisch, 1 Büffet, 6 Stühle, 1 Kredenz, 1 Standuhr, 1 Küchentisch, 1 Herd, 1 kl. Küchenschrank, 1 Nähmaschine, 1 Chaiselongue , 1 Bettstelle mit Matratzen u. Auflegematratzen, 2 Schränke, 2 Nachttische, 1 Waschtisch, 1 Waschservice, 3 Betttücher, 3 Bettbezüge, 3 Zugvorhänge, 12 Servietten, 1 Unterrock, 12 Handtücher, 2 Federbetten, 2 Kopfkissen, 3 Sofakissen, 1 Tüllbettdecke, 5 Deckchen u. Läufer, 6 Obstmesser, 1 Salatbesteck, 2 Tabletts, verschiedenes Porzellan, 1 Bild, 1 Suppenterrine, 1 Karaffe, 1 Küchenteller, 14 Gläser, 1 Wasserkaraffe mit Glas, 36 Teller, 1 Brotkörbchen, 1 Wecker, 3 Flaschen, 2 Kristallschalen, 5 Teegläser, 1 Familienrahmen, 1 Obstschale, 1 alter Krug, 1 Paneelbrett, 1 Topfschrank, einige Töpfe u. Pfannen, 1 Kohlenkasten, 1 Sparkassenbuch

Lemgo, den 8.12.1941

Vermerk: Die durchgestrichenen Gegenstände sind wohl im Besitz der Jüdin Gumpel; sie sind aber nicht in den versiegelten Raume untergebracht, sondern stehen ausserhalb des Raumes bei Sternheim. Sternheim ist beschieden, dass er das Verfügungsrecht nicht besitzt, die Gegenstände aber aufzubewahren hat.

Unterschrift des bearbeitenden Beamten. Unterschrift von Rosalie Sara Gumpel

Mitte August 1941 mussten sich alle Juden im Getto im Moskauer Viertel - einem Vorort nördlich von Riga - einfinden. Als man dieses Getto abriegelte, hielten sich dort 29.602 Juden auf - 15.738 Frauen, 8.212 Männer und 5.652 Kinder. Das Getto umfasste eine Fläche von 9.000 Quadratmetern und war somit vollkommen überfüllt. Die meisten Häuser waren verfallen und die sanitären Einrichtungen völlig unzureichend.

Die Juden wurden zur Zwangsarbeit verpflichtet. Die ungelernten Arbeiter wurden zu schwerer körperlicher Arbeit herangezogen, die gelernten Handwerker arbeiteten in ihrem regulären Beruf. Am 19. November 1941 wurden die arbeitenden Juden von den übrigen Gettobewohnern getrennt und in ein eingezäuntes Gebiet im nordwestlichen Teil des Gettos gebracht, der drei Tage zuvor von seinen bisherigen Bewohnern geräumt worden war. Dieser Teil wurde das "kleine Getto" genannt. In der Nacht des 30. November 1941 wurde der westliche Teil des "großen Gettos" von deutschen und lettischen Wachen umstellt; die Juden darin wurden in Gruppen von jeweils 1.000 Menschen zusammengetrieben. Am nächsten Morgen wurden die Menschen im Wald von Rumbula, acht Kilometer von Riga, vor vorbereiteten Gruben erschossen. An diesem Tag sowie am 8. und 9. Dezember 1941 wurde die gesamte Bevölkerung des "großen Gettos" erschossen. Wenige Tage später traf Rosalie Gumpel in Riga ein. Ihre Spur verliert sich dort, sie dürfte nach kurzer Zeit umgebracht worden sein.

Als sich 1944 die sowjetische Armee der lettischen Grenze näherte, versuchte die SS, die Spuren ihrer Verbrechen zu verwischen. Jüdische Kommandos wurden angewiesen, die Gruben mit den Massengräbern wieder zu öffnen und die Leichen zu verbrennen. Nach Beendigung dieser Aufgabe wurden die Männer des Kommandos ermordet.

Am 13. Oktober 1944 wurde Riga von der sowjetischen Armee befreit. Etwa 150 Juden, darunter einige Kinder, hatten überlebt. Nach dem Krieg ermunterten die sowjetischen Behörden Bürger aus der Sowjetunion, darunter viele Juden, sich in Riga anzusiedeln. In den späten 60er und den frühen 70er Jahren war Riga eines der Zentren des wiedererwachten nationaljüdischen Bewusstseins in der UdSSR und des Kampfes um eine Ausreisegenehmigung für Israel. Durch die Emigration verringerte sich die jüdische Bevölkerung Rigas erheblich; Ende der 80er Jahre lebten dort nur noch 20.000 Juden.

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