Wohnhäuser

Schreiben vom 22. Mai 1939 an die Lemgoer Juden

Betr. Auswanderung der Juden.

Die beschleunigte Auswanderung aller Juden aus dem Reichsgebiet ist das Endziel der Regelung der Judenfrage in Deutschland. Die Überwachung der Auswanderung hat nun ergeben, dass die Juden in letzter Zeit ihre Bemühungen zur Erlangung der notwendigen Papiere vielfach vernachlässigt haben. Diese Tatsache gibt Veranlassung, allen deutschen und staatenlosen Juden die Pflicht aufzuerlegen, ihre Bemühungen um eine Auswanderung durch Vorlage von Unterlagen bei der zuständigen Polizeibehörde ihres Wohnortes dauernd nachzuweisen.

Auf Anordnung der Geheimen Staatspolizei mache ich Ihnen hierzu folgende Auflage:

Zum 1. j. Monats, erstmalig am 1. Juni d.J., haben sie über ihre Auswanderungsbemühungen bzw. über die Auswanderungsbemühungen aller Angehörigen, die zu Ihrem Haushalt gehören, den entsprechenden Schriftwechsel bei mir vorzulegen. Ich werde hierbei prüfen, ob Sie sich ernsthaft und nachdrücklich mit Ihrer Auswanderung bzw. mit der Auswanderung Ihrer in ihrem Haushalt lebenden Familienangehörigen befassen. Sollten Sie in der Beschaffung Ihrer Unterlagen nachlässig sein, sie hinausschieben oder die festgelegten Zeiten nicht einhalten, so haben Sie ein staatspolizeiliches Einschreiten zu gewärtigen.

Die Eltern von Kurt Gumpel wohnten zunächst in der Orpingstraße im Haus der Großmutter mütterlicherseits. Von dort zogen sie am 8. Mai 1916 in das Haus Mittelstraße 82, wo sie ein Geschäft betrieben: "Gustav Gumpel Manufakturen & Betten". Zuvor war in diesem Geschäft der Uhrmacher Meierkamp ansässig gewesen, der seinerseits das Haus in den 1860er Jahren erworben hatte.

1936 mussten Kurt Gumpels Eltern das Geschäft schließen. Die Stadt Lemgo hatte am 12. August 1935 verfügt: "Geschäftsleute, Handwerker, Bauern und andere Volksgenossen, die noch Juden in ihrem Handel unterstützen, werden von der Vergebung städtischer Aufträge ausgeschlossen. Juden haben auf Vergünstigungen, die seitens der Stadt gewährt werden, keinerlei Anrecht." Parolen in NS-Zeitungen wie "Wer bei Juden kauft und mit ihnen handelt, ist ein Feind der Nation!" schüchterten potenzielle Kunden ein. Wer weiterhin in jüdischen Geschäften einkaufte, lief Gefahr, mit Bild und Name in der örtlichen Zeitung veröffentlicht zu werden.

1939 verkaufte Rosalie Gumpel dieses Haus an Familie Mengedoht, die dort ein Schuhgeschäft einrichtete. Rosalie Gumpel, inzwischen verwitwet, musste dieses Haus nach dem Verkauf verlassen und wurde am 1. November 1939 in das Haus der Familie Sternheim, des jüdischen Gemeindevorstehers, eingewiesen. Am 9. Dezember 1941 wurde sie nach Riga deportiert und im dortigen Getto umgebracht.

Der Sohn der Käufer dieses Hauses, Horst Mengedoht, vermittelte den NicoTeens einen Eindruck vom früheren baulichen Zustand des Hauses Mittelstraße 82. Auch berichtete er von Zwangsarbeitern, die während des Krieges im elterlichen Schuhgeschäft zum Reparieren von Schuhen eingesetzt waren. Firma Mengedoht ist der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft zur Entschädigung der Zwangsarbeiter beigetreten.

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