Lippische Rundschau

Nicolai-Jugendkreis »NicoTeens« leistet bemerkenswerte »Erinnerungsarbeit«

Das Leben eines jüdischen Jugendlichen

Lemgo (­HFP­). Mit dem Thema »Rechtsextremismus und Gewalt« kann man sich bekanntlich auf vielfältige Weise auseinandersetzen. Man kann Podiumsdiskussionen mit Politikern oder Demonstrationen organisieren, man kann Mahnwachen aufstellen und Informationsmaterialien verteilen, um nur einiges zu nennen. Man kann das Thema aber auch angehen, indem man sich erinnert an Zeiten, in denen Hass regierte, der unsägliches Leid für Millionen von Menschen zur Folge hatte. Eine solche »Erinnerungsarbeit« haben die Mitglieder des Jugendkreises »NicoTeens« der Kirchengemeinde St. Nicolai in den vergangenen Monaten geleistet.

Angeregt zu dieser Arbeit, dessen Ergebnis sich jetzt als bemerkenswertes Forschungsprojekt darstellt, wurde die Gruppe von der Arbeitsgemeinschaft evangelischer Jugend in Deutschland (aej), die Anfang dieses Jahres einen »Ideenwettbewerb gegen Rechtsextremismus und Gewalt« ausgeschrieben hatte. Das Ziel: Evangelische Jugendgruppen sollten Ideen gegen Rechts entwickeln und vor Ort umsetzen. Die »NicoTeens« entschlossen sich, nach einer Person zu suchen, die in der NS-Zeit Jugendlicher war. Unterstützt wurden sie bei ihrer Suche von Lemgos Ehrenbürgerin Karla Raveh, Stadtführerin Liesel Kochsiek-Jakobfeuerborn und Museumsleiter Jürgen Scheffler. Karla Raveh war es dann, die die Beschäftigung mit Kurt Gumpel empfahl, der eben in der Zeit der Nationalsozialisten als Jugendlicher in Lemgo gelebt hat und inzwischen achtzigjährig in Belgien lebt. Sie stellte den Kontakt zu Gumpel her. Und Kurt Gumpel stellte daraufhin einen prall gefüllten Pappkarton mit Unterlagen, Briefen und Fotos zur Verfügung und war damit einverstanden, dass sein Leben in der NS-Zeit aufgearbeitet und dargestellt wird. Für ein persönliches Gespräch stand er allerdings nicht zur Verfügung, weil er fürchtet, dass er eine solches Gespräch über das, was er damals erlebt hat, nicht verkraften könne.

Die diesjährigen Sommerferien nutzten die »NicoTeens« dazu, im Lemgoer Stadtarchiv und im Grundbuchamt zu forschen, Zeitungsarchive zu besuchen, im Internet zu recherchieren und Briefe der Mutter Rosalie Gumpel an ihre Kinder zu entziffern und auszuwerten. Und sie sprachen mit Lemgoer Zeitzeugen. Sie fanden vieles über Kurt Gumpel heraus: Er wird am 28. März 1922 in Lemgo geboren, ist das dritte Kind der Kaufleute Gustav Gumpel und Rosalie, geborene Mosberg. Er wächst mit zwei älteren Brüdern, Hans und Herbert, auf. Seine Kindheit verbringt Kurt in Lemgo. Er besucht die Volksschule ab Ostern 1928. Seine Eltern wollen ihn eigentlich die höhere Schule besuchen lassen. Doch während seine beiden Brüder das Realgymnasium in Lemgo bis zur Mittleren Reife besuchen, wird ihm die Aufnahme dort verwehrt. Im Schuljahr 1934/35 endet daher seine Schullaufbahn mit dem Abschluss der Volksschule. Kurt Gumpel meldet sich aus Angst vor Verfolgung bei der Jüdischen Arbeitshilfe e.V. in Berlin und stellt dort einen Antrag auf Auswanderung aus Deutschland. Vom Februar 1937 bis Juni 1939 lebt er in einem Auswanderungsvorbereitungslager in Neuendorf bei Fürstenwalde an der Spree. Kurz vor Kriegsausbruch wandert er nach Dänemark aus. Im Oktober 1943 fürchtet Gumpel neue Verfolgungsmaßnahmen, nachdem die Deutschen Dänemark eingenommen hatten. Er flüchtet nach Schweden und arbeitet dort in der Landwirtschaft. Als er nach Kriegsende am 31. Mai 1945 von Schweden wieder nach Dänemark zurückkehrt, ist er gezwungen, von der Unterstützung des Staates zu leben, da er aus gesundheitlichen Gründen in der Landwirtschaft nicht länger arbeiten kann.

Mit Fug und Recht kann man behaupten, dass sich die »NicoTeens« - die Gruppe gibt es seit 1996 -, zusammen mit Pfarrer Andreas Lange und Vikarin Jutta Schlitzberger mit großem Respekt vor dem Leben dieses Mannes mit Kurt Gumpel beschäftigt haben. Sie haben damit ein Stück Lemgoer Stadtgeschichte aufgearbeitet und aus der Vergangenheit für ihr eigenes Leben gelernt.

Diese Projektarbeit haben die »Nicoteens« auf einer Homepage ins Internet gestellt, um sie einer breiten Öffentlichkeit weltweit zugänglich zu machen. Sie kann ab Mitte November auch im Gemeindehaus St. Nicolai, Papenstraße, als CD-Rom erworben werden.

25.10.2001

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